Montag, 18. August 2008

Get The Balance Right

Durch diese Petric-Geschichte ist mir mal wieder eins klar geworden: Profifußball ist in erster Linie ein Geschäft. Und auch in zweiter und in dritter Linie. Zugegeben, diese Erkenntnis ist nicht gerade neu oder besonders originell, aber als Fan verdrängt man diese Gewissheit so oft es eben geht. Aber wenn dann mal wieder etwas passiert, dass dieses Verdrängen kurzfristig unmöglich macht, ist die Empörung trotzdem groß. Schnell ist dann die Rede vom abgezockten, geldgierigen Profi mit der Söldner-Mentalität, der immer und ausschließlich auf den eigenen Vorteil aus ist und sich einen Dreck um die Befindlichkeiten anderer, vor allem die der Fans, schert.

Plötzlich fällt allen wieder ein, dass der selbe Spieler, der eben noch das Wappen des eigenen Vereins geküsst hat, vor noch nicht allzu langer Zeit auf mehr oder weniger die gleiche Art und Weise bei seinem vorherigen Klub seine Tore bejubelt hat. Und wenn in ein paar Wochen dieser Spieler für seinen nächsten Verein aufläuft und dann wieder ein Tor schießt, dann werden sich seine Gesten der Freude und der "totalen Identifikation" mit "seinen" Fans nicht wesentlich von den bereits bekannten unterscheiden. Nur die Farben und Muster des Vereinswappens und der Schriftzug des Trikotsponsors werden anders sein, ansonsten wird man kaum einen Unterschied erkennen können.

Solch ein Fußballer ist doch nichts anderes als eine Hure, oder? Er prostituiert sich jeweils für den Verein die Stadt das Produkt, welches ihm am meisten bietet. Am meisten Geld, am meisten Aufmerksamkeit, am meisten von allem.

Wir Fans sind dagegen das komplette Gegenteil. Wir wechseln unseren Verein nie, wir halten fest und treu zusammen, Ball-Heil-Hurra, Borussia! Wir wechseln unsere Farben nie, allerhöchstens mal den Farbton - und das auch nur, weil diese seelenlosen Abzocker aus der Merchandising-Abteilung ständig mit etwas neuem ankommen müssen! Letztlich ist es doch so: der Fan ist die treue Seele, der Romantiker, der sich total mit seinem Verein identifiziert. Einmal zum "echten" Fan geworden, gibt's kein Zurück mehr, schon gar keinen Vereinswechsel.

Daraus lässt sich auch eine Art moralische Überlegenheit ableiten, die der Fan gegenüber den Spielern besitzt, denn der Fan würde nach einer verkorksten Saison nicht einfach zum aktuellen Deutschen Meister wechseln, nur weil der zuletzt attraktiver und erfolgreicher gespielt hat und obendrein auch die besseren Perspektiven (ChampionsLeague-Teilnahme!) für die kommenden Jahre besitzt. Nein, nein, der Fan ist gegen solche Verlockungen absolut immun und deshalb zumindest moralisch vollkommen integer.

Von wegen! Wer hat denn diesem Söldner vorhin noch zugejubelt? Wer hat sich denn vor kurzem noch darüber gefreut, dass sich dieser Abzocker-Profi/Profi-Abzocker ausgerechnet dem eigenen Verein angeschlossen hat und nicht einem der vier anderen Klubs, die ihm ebenso lukrative Angebote gemacht haben? Wer hat sich denn noch vor ein paar Wochen den Namen dieser Hure auf sein Trikot drucken lassen und ihn im Stadion voller Stolz und Respekt laut besungen? Und haben wir das getan, weil wir naive Romantiker sind oder weil wir Heuchler sind mit Hang zum Selbstbetrug? Vielleicht sind wir auch einfach beides, weil das eine das andere auf keinen Fall ausschließt, wer weiß?

Wenn wir Fans den Spielern vorwerfen, dass sie uns bloß etwas vormachen und uns früher oder später sowieso verraten werden, dann müssen wir Fans uns selbst ebenso den Vorwurf gefallen lassen, dass wir dieses Spiel nur allzu gerne mitmachen und letztlich genauso handeln wie die Spieler. Wenn die Spieler die Huren sind, dann sind wir Fans die Freier! Und wenn sich eine Hure plötzlich lieber einem anderen, zahlungskräftigeren Freier zuwendet, sind wir auf einmal schockiert und beleidigt und werfen der Hure vor, dass sie sich wie eine Hure verhalte. Von den zahlreichen Huren, die wir im Laufe der Zeit verstoßen haben, weil sie irgendwann unseren gehobenen Erwartungen nicht mehr entsprachen, reden wir aber ungern. Da heißt es kurz und bündig: "So ist nun mal das Geschäft, die sind alle Profis, die müssen das abkönnen."

Machen wir uns doch nichts vor! Wenn ein teurer Neuzugang für unseren Verein ein besonders schönes oder wichtiges Tor schießt, dann jubeln wir darüber genauso als wenn das Tor von einem Spieler erzielt worden wäre, der seit über zehn Jahren für den Klub spielt.

Vielleicht behalten wir langfristig diejenigen Akteure leichter oder lieber in Erinnerung, die sich über mehrere Jahre als "treu" und "charakterlich makellos" erwiesen haben und somit scheinbar ein Ideal verkörpern, dem jeder Einzelne nur allzu gerne ebenso entsprechen würde (aber letztlich doch auch immer wieder dabei scheitert). Aber ich habe eben nicht nur viele Zorc- und Ricken-Tore in meinem Kopf, ich kann mich auch an viele Treffer durch Amoroso und Petric erinnern und ich weiß ganz genau, dass ich mich zumindest in jenen Momenten mindestens genauso gefreut habe wie über jedes andere Tor auch.

In diesem Sinne, mach's gut Mladen und herzlich willkommen Mohamed!

Kommentare:

  1. Der Vergleich mit dem ältesten Gewerbe der Welt ist zu billig, wenn man sieht, wie Petric als Geschäftsmann gehandelt hat. Er hat zum einen eine durchschnittliche Bundesliga-Saison mitgestaltet, zum anderen ein Pokalfinale miterlebt und spannend gemacht und wurde wegen seiner Tore Borusse der Saison.
    Zum Seltsamen aber macht er eine ganze Saisonvorbereitung mit, während seine Petric-Trikots Verkaufszahlen steigern und verlässt pünktlich zum ersten Spieltag den BVB, um bei einem "größeren Verein" noch abzukassieren, weil er sich einen Millionendeal in den Wechselvertrag geschrieben hat.
    Heute wechselt Kompany und frei wird "seine" 10.
    Voll auf dem van der Vaart-Weg und bald in Madrid und dann in L.A.?

    Brechen wie Beckham?

    Blog verlinkt!

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  2. Hallo flemming_x,

    Danke für deinen Kommentar! Allerdings sehe ich die Lage etwas anders als du, denn du unterstellst Petric, dass er den Zeitpunkt des Wechsels bestimmt hätte. Das hat er aber nachweislich nicht getan, die Geschichte mit dem HSV begann tatsächlich erst letzten Donnerstag.

    Ich bin zwar weit davon entfernt Petric in Schutz zu nehmen (die Tatsache, dass er die Herausforderung sich unter einem neuen Trainer mit dem BVB gemeinsam zu steigern nicht angenommen hat, lässt mich etwas verstört zurück), aber der Zeitpunkt und der Ablauf des Transfers ist nicht sein Verschulden. Ebensowenig habe ich bislang etwas von einer Ausstiegsklausel in seinem neuen Vertrag gelesen.

    Sei es wie es sei, es ist sicherlich nicht auszuschließen, dass Petric noch häufiger den Verein wechselt und dabei seine Fans verwundert zurücklässt. Damit stellt er aber - leider - keine Ausnahme in dem Geschäft dar.

    Und was die Petric-BVB-Trikots betrifft: Es stünde der Borussia sicherlich gut zu Gesicht, wenn sie den Käufern eines neuen Petric-Trikots ein Umtauschrecht einräumen würde. Schließlich hat man ja auch offensiv mit Petric für das Trikot geworben (siehe meinen Beitrag vom 12.08.08).

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